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Wir werden älter. Aber werden wir auch gesünder?

Stell dir zwei Linien vor. Die eine zeigt, wie lange du lebst – die Lifespan. Die andere zeigt, wie lange du gesund lebst – die Healthspan. Eigentlich sollten diese beiden Linien nah beieinander laufen. Eigentlich.

Eine grosse Studie, die Ende 2024 im renommierten JAMA Network Open erschienen ist, hat diese beiden Linien für 183 Länder weltweit nachgemessen. Das Ergebnis ist nüchtern: Der Abstand zwischen gesunden Jahren und Lebensjahren wächst. Global beträgt er im Schnitt 9,6 Jahre. Das bedeutet: Fast ein Jahrzehnt unseres Lebens verbringen wir im Durchschnitt mit chronischen Erkrankungen, eingeschränkter Lebensqualität, im Kampf gegen unseren eigenen Körper.

Genau hier setzt Goodgevity an. Mir geht es nicht darum, dass du möglichst lange lebst. Mir geht es darum, dass du möglichst lange gut lebst. Die Healthspan zu verlängern und den Gap zur Lifespan zu verkürzen – das ist die eigentliche Aufgabe.

Das Paradox der reichen Länder

Hier kommt das vielleicht überraschendste Ergebnis der Studie – und das, das mich am meisten beschäftigt: Die Länder mit dem grössten Abstand zwischen Healthspan und Lifespan sind nicht die ärmsten. Es sind die reichsten.

Die USA führen die Rangliste mit einem Gap von 12,4 Jahren an. Dann folgen Australien mit 12,1 Jahren, Neuseeland mit 11,8 Jahren, das Vereinigte Königreich mit 11,3 Jahren und Norwegen mit 11,2 Jahren. Die kleinsten Lücken hingegen finden sich in Ländern wie Lesotho, der Zentralafrikanischen Republik oder Somalia – Ländern, die wir in keiner anderen Gesundheitsstatistik beneiden würden.

Was sagt uns das? Dass Wohlstand alleine keine gesunden Jahre kauft. Im Gegenteil: Offenbar schaffen wir es in den Industrienationen, das Leben zwar zu verlängern – aber die gewonnenen Jahre häufig mit Krankheit zu füllen.

Die Studie beschreibt dieses Phänomen als ein Disease Paradox: Weil wir weniger akut sterben, überleben wir länger – und häufen dabei chronische Erkrankungen an. Nichtübertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, psychische Störungen oder Muskel-Skelett-Beschwerden dominieren das Bild. Besonders in den USA machen psychische Erkrankungen und Substanzmissbrauch den grössten Anteil der verlorenen Gesundheitsjahre aus.

Meine Hypothese: Es ist der MicroStress

Ich denke viel darüber nach, warum gerade wir – die Privilegierten, die Wohlhabenden, die Gut-Versorgten – so viele Jahre krank verbringen. Und meine Vermutung ist: Es liegt nicht an einem einzelnen grossen Problem. Es liegt an tausend kleinen.

MicroStress. Die ständigen kleinen Reize, Anforderungen, Unterbrechungen und Spannungen, die unser modernes Leben mit sich bringt. Eine Nachricht, die nicht beantwortet wurde. Der Kalender, der kein Durchatmen erlaubt. Der Schlaf, der nicht kommt. Die Erschöpfung, die wir als normal bezeichnen, obwohl sie es nicht ist.

Jeder einzelne dieser Stressoren ist klein. Aber zusammen lösen sie dauerhaft eine Kortisolreaktion aus, die unseren Körper Jahr für Jahr erschöpft. Sie schädigen das Immunsystem, fördern Entzündungen, stören den Schlaf, destabilisieren die Stimmung – und legen damit den Grundstein für genau jene chronischen Erkrankungen, die den Healthspan-Gap verbreitern.

Wir haben die Balance verloren. Und das ist keine Frage des Willens oder der Disziplin. Es ist die logische Konsequenz einer Wellbeing-Krise, die wir als Gesellschaft noch kaum zu benennen wagen.

Warum Frauen stärker betroffen sind

Die Studie zeigt auch eine auffällige Geschlechterdifferenz: Frauen weltweit haben im Schnitt einen um 2,4 Jahre grösseren Gap als Männer. In Deutschland, Spanien und Frankreich beträgt dieser Unterschied sogar über drei Jahre.

Die Haupttreiber laut Studie: Erkrankungen des Bewegungsapparats, urogenitale Erkrankungen und neurologische Leiden – Bereiche, in denen Frauen systematisch stärker belastet sind. Dazu kommt die höhere Lebenserwartung: Je länger man lebt, desto mehr Zeit bleibt, um krank zu sein.

Für mich passt das zur Perimenopause-Thematik, die ich in diesem Blog begleite. Diese Lebensphase ist keine Ausnahme im Leben einer Frau – sie ist ein Spiegel. Wer jahrelang unter MicroStress gelebt hat, wer die eigenen Bedürfnisse hintenangestellt hat, wer Schlaf, Bewegung und echte Erholung als Luxus betrachtet hat, spürt das in der Perimenopause besonders deutlich.

Was Goodgevity bedeutet

Ich nutze das Wort Goodgevity bewusst. Es geht nicht um Longevity als Selbstzweck – um das blosse Ausdehnen von Jahren. Es geht um good years. Um Lebensqualität, die sich anfühlt wie Leben.

Die Studie aus dem JAMA fordert am Ende eine Kehrtwende: weg von reaktiven Gesundheitssystemen, die Krankheiten behandeln, hin zu proaktiven, wellnesszentrierten Ansätzen, die Gesundheit erhalten. Das ist in der Medizin gedacht – aber es beginnt weit früher. Es beginnt mit dem Bewusstsein, dass die kleinen täglichen Entscheidungen über Schlaf, Bewegung, Ernährung und vor allem Stressreduktion das sind, was zählt.

Kein Supplement ersetzt eine Nacht guten Schlafs. Kein Coaching-Programm ersetzt echte menschliche Verbindung. Keine Optimierungs-App ersetzt das, was wir verloren haben: die Fähigkeit, einfach mal nichts zu tun, ohne schlechtes Gewissen.

Was du jetzt tun kannst

Der Gap zwischen Healthspan und Lifespan ist keine Schicksalsfrage. Er ist gestaltbar. Nicht durch heroische Massnahmen, sondern durch ehrliche kleine Entscheidungen, Tag für Tag.

Fang mit einer einzigen Frage an: Wo in meinem Leben akkumuliert sich MicroStress, den ich normalerweise einfach schlucke?

Vielleicht ist es der Griff ans Handy vor dem Aufstehen. Vielleicht die Gewohnheit, nie Nein zu sagen. Vielleicht das Gefühl, immer erreichbar sein zu müssen. Vielleicht der Schlaf, den du seit Jahren mit dir herumträgst wie eine offene Schuld.

Genau dort beginnt Goodgevity. Nicht in der Apotheke. Nicht im Fitnessstudio. Sondern in der Fähigkeit, den eigenen Körper und Geist wieder ernst zu nehmen – bevor die Lücke zwischen Healthspan und Lifespan noch grösser wird.


Quellen: Garmany A, Terzic A. Global Healthspan-Lifespan Gaps Among 183 World Health Organization Member States. JAMA Netw Open. 2024;7(12):e2450241.